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Tomlinson Translated

 

"HOW to be a bad Christian ... and a better human being"

Dave Tomlinson

 Hooder & Stoughton, 2012

 

1. Gott ohne all den Mumpitz (Den Glauben bewahren und Religion vernachlässigen)

.......

Jeden Tag verlassen Menschen die Kirche, um zu Gott zurückzukehren.“ (Lenny Bruce)

...

Es war ein kalter, feuchter Donnerstag Mitte Februar. Ein guter Tag für Beerdigungen, würden Manche sagen. Die Kirche war mit Trauernden gefüllt, nur noch Platz zum Stehen, alle waren versammelt, um von einem außergewöhnlichen 73Jährigen Abschied zu nehmen, den sie den „Schnellen Eddie“ nannten …

Nach einer bewegenden Trauerfeier, mit Tränen und Gelächter, verließen wir die Kirche und fuhren zum Krematorium.

Ein paar Autos mit engen Familienangehörigen waren noch unterwegs und sie brauchten länger, so dass sich die weitere Zeremonie verzögerte. Die bereits Anwesenden suchten zwischenzeitlich in der Kapelle des Krematoriums Zuflucht vor dem scharfen Wind und die Atmosphäre unter den Anwesenden war für eine Trauerfeier eher gelöst – aber wir waren zuvor gewarnt worden, dass Eddie keine bedrückten Trauergesichter sehen wollte. Offenbar hatte er seiner Frau zuvor gesagt: „Wenn Jemand anfängt zu heulen, komme ich und hau ihm eins in die Fresse!“

So – nun ja - versuchten die Meisten seinen Wünschen zu entsprechen.

Eddie war keiner, von dem Du dir eine Tracht Prügel gewünscht hättest.

 

Auf die Zuspätkommer wartend und im Gespräch mit dem Beerdigungsunternehmer, kam Eddie's Nichte auf mich zu, mit ihrem drei Monate alten Baby im Kinderwagen. „Das ist Arthur,“ sagte sie, würdest Du ihn segnen? Bitte, Dave!“

Was, jetzt?“ antwortete ich.

Ja, wo auch immer“, sagte sie.

So nahm ich dort im Krematorium vor aller Augen Klein-Arthur auf den Arm, sprach ihm den Segen zu und zeichnete das Kreuzzeichen auf seine kleine Stirn.

Kameras blitzten, die Eltern strahlten, die Großeltern guckten stolz, alle applaudierten, der Organist guckte verwirrt. Und Arthur schaute mich an, keine Ahnung von dem, was gerade passierte, aber völlig selig und im Reinen mit dem, was da gerade geschah.

Was zur Hölle ist das, Dave“, sagte der Beerdigungsunternehmer,“ so was hab ich noch nie erlebt. Das ist aber jetzt ne Premiere für mich ...“

Eddie hätte das geliebt“, sagte Jemand. Alle nickten und stimmten zu.

 

Das Abschiednehmen von Eddie zog sich weit über den Tag.

Und auch wenn es immer ein trauriger Moment ist, wenn der Knopf gedrückt wird, der den Sarg verschwinden lässt … Es war für mich einer der erfüllten Tage, in denen ich Pfarrer und Seelsorger für einen Teil von Gottes Familie sein durfte, die in der Regel nicht in der Kirche auftauchen, aber deshalb nicht weniger „Gottes Familie“ sind …

 

Die Gespräche in der Kneipe hinterher waren von der Art, wie ich sie oft mit kirchenfernen Leuten habe. Und ich hab längst aufgehört zu zählen, wie oft ich dabei entschuldigend gehört habe: „Ich bin kein besonders guter Christ ...“

 

Das darin enthaltende Schuldgefühl irritiert mich.

Wo kommt es her?

Dies alles sind doch prächtige Menschen, die ich mag und respektiere und mit denen ich gerne zusammen bin.

Ich finde keinen substantiellen Unterschied zwischen ihnen und den Menschen, die sonntags in der Kirche auftauchen.

Sind sie weniger „anständige“ Menschen?

Lieben sie ihre Kinder weniger oder geben sich weniger Mühe, gute Entscheidungen im Leben zu treffen?

Ganz sicher nicht.

Deshalb antworte ich oft: „Nun , ich bin auch ein miserabler Christ!“

Woraufhin sie sich zurückbiegen und große Augen machen. Oder grinsen. Oder kichern im Angesicht eines Pastors, der sich selbst auch einen miserablen Christen nennt …

 

Michael, einer von Eddies engen Freunden, entschuldigte sich daraufhin dafür, dass er nie in die Kirche ginge.

Du brauchst Dich dafür nicht zu entschuldigen“, sagte ich, „ die meisten Menschen gehen nicht in die Kirche. Aber wenn ich auch nur einen Augenblick den Gedanken haben müsste, dass es für Gott einen Gänsefurz von Bedeutung ist, ob Du oder ob Du nicht in die Kirche gehst, würde ich wohl augenblicklich zum Atheisten werden!“

Ironischerweise sorgte übrigens gerade diese Bemerkung dafür, dass Michael am nächsten Sonntag in die Kirche kam … ;-)

 

Nun versteh mich nicht falsch:

Ich denke, es gibt durchaus gute Gründe, sich zur Gemeinschaft der Christen zu halten und in die Kirche zu gehen, davon später mehr in diesem Buch.

Aber ich kann an keinen Gott glauben, der die Welt unterteilt in Kirchgänger und Nicht-Kirchgänger, oder in Gläubige und Ungläubige. Was für eine absurde Idee!

Ganz sicher hat Gott ein paar intelligentere Urteilskriterien als diese!

Denn ganz sicher ist Gott mehr daran interessiert, was für Menschen wir sind, welche Lebensentscheidungen wir treffen und wie wir Andere behandeln, als daran, wo wir am Sonntagmorgen sind.

 

Ich weiß doch aus unzähligen Gesprächen und Begegnungen (wie bei Eddies Beerdigung), dass es nicht weniger spirituelle Einsichten und Sensibilitäten im Leben von Menschen gibt, die sich nicht an der Kirchtür drängeln.

Unzählige Menschen machen sich Gedanken über den Sinn des Leben, während sie nachts wach im Bett liegen … oder auch nach ein paar Bieren in der Kneipe.

Viele haben spirituelle Erfahrungen der einen oder anderen Art. Viele haben erhellende theologische Einsichten - die sie häufig auf eine erfrischend nicht-religiöse Art zur Sprache bringen.

 

Wie auch immer:

Die Wenigsten von ihnen können sich allerdings vorstellen, dass ein Kirchgang etwas Wesentliches zu ihrem Leben beiträgt oder ihnen was Nützliches und Hilfreiches für Alltag & Leben mit auf den Weg gibt. In der Vorstellung der meisten Nicht-Kirchgänger sind Religion und Kirche etwas für naive Gutmenschen, religiöse Überdrehte oder bibelschwingende Fanatiker – oder, traurigerweise, für Menschen, die sich für was Besseres halten.

 

Aber das heißt ja nicht, dass Gott kein Teil ihres Lebens ist, oder dass sie nicht auch auf ihre Weise auf einer spirituellen Reise sind.

Im Gegenteil: Einige der bewegendsten und beeindruckendsten Einsichten bekomme ich von Menschen, die die nie in der Nähe einer Kirche zu finden sind oder sich selbst überhaupt nicht für religiös halten.

 

Wie es überhaupt ein großes Missverständnis ist, dass Christsein gleichbedeutend ist mit dem Fürwahrhalten bestimmter Dinge – im Sinne einer gläubigen Übernahme und Bejahung von Ideen und Theorien.

Mitnichten.

Dogmen haben ihre Berechtigung und ich habe auch eine Menge von Dingen, die ich für richtig und wahr halte.

Aber ich denke nicht, dass mich etwas davon „in den Himmel bringt“ – oder mich davon aussperrt. Ich sehe keinen Petrus am Himmelstor, mit einem Clipboard, den „Glaubens-Check“ machend.

 

Jesus selbst hat nicht verlangt, dass irgendjemand erst einmal bestimmte Glaubensinhalte bejaht, bevor er sein Nachfolger werden kann.

Sondern er hat Menschen dazu gerufen, ihr Leben zu ändern: Aufzuhören mit ihrer Gier, Friedensstifter zu werden, selbst ihren Feinden liebend zu begegnen, und so weiter.

Jesus hat nie ein Buch geschrieben, nie ein Glaubensbekenntnis in die Welt gesetzt, keine Kirche gegründet und nie vorgehabt, eine neue Religion zu gründen.

Er hat schlicht den Weg der Liebe vorgelebt – die goldene Regel in jeder Religion – und Menschen eingeladen, ihm zu folgen.

 

Jesus hat die Bezeichnung „Christen“ nie eingeführt, der übrigens nur dreimal in der Bibel vorkommt. Diese Bezeichnung kam erst ein Jahrzehnt nach seinem Tod in Umlauf, spöttisch und abwertend von den Kritikern der Jesus-Nachfolger.

Bevor sie also „Christen“ genannt wurden, waren sie bekannt als „Menschen auf dem Weg“ - Menschen, die sich identifizierten mit dem Weg, den Jesus lehrte und vorlebte.

Ich mag das, „Menschen auf dem Weg“.

Es deutet mehr darauf hin, selbst Teil einer Reisegesellschaft zu sein als Teil einer Organiation.

Und ich kenne eine Menge Leute, die nie in einer Kirche auftauchen, die mit Glaubenslehren und Vorschriften im Unreinen sind, die sich schütteln beim Gedanken „religiös“ zu sein – und die dennoch sehr auf dem Weg sind, um den es Jesus ging.

Sie würden sich dagegen wehren, als „Christen“ bezeichnet und vereinnahmt zu werden. Und doch widerlegen sie sich selbst.

Denn sie sind Menschen auf dem Weg – als „miserable Christen“ durch und durch.

 

Lasst es uns klarstellen:

Im christlichen Glauben geht es um gelebtes Vertrauen und Authentizität, nicht um Dogmatik und Rechtgläubigkeit.

Das ist der Unterschied.

Im Glauben geht es um Vertrauen, weniger um Weltanschauung und Meinungen.

Du kannst Deine Überzeugungen haben und darüber diskutieren bis tief in die Nacht, ohne dass es irgendwelche Auswirkungen hat. Aber gelebtes Vertrauen ist etwas Anderes als Glaubensinhalte, Dogmen, Meinungen und Argumente. Es braucht gar keine Worte, es kommt aus deinem Bauch.

 

Carol war eine meiner Gesprächspartnerinnen in der Kneipe nach Eddies Beerdigung. Es ist schon interessant, was Menschen Dir erzählen, nur weil Du einen Collar-Kragen trägst und einen halbwegs menschlichen Eindruck machst. Als sie mir von der Gewalt in ihrer Ehe erzählte, aus der es ihr vor ein paar Jahren gelang auszubrechen, wollte ich es kaum glauben. Sie heulte mir förmlich ins Bierglas, als ich ihrer Geschichte von Gewalt und Brutalität zuhörte, von ausgedrückten Zigaretten auf ihrem Körper und versteckten Prellungen und Blutergüssen, so dass Freunde und Familie ahnungslos waren.

Ich geh nicht in die Kirche, Dave“, sagte sie, „Ich bin nicht religiös oder sowas. Aber irgendwie habe ich das alles durchgestanden, weil ich mich von Etwas oder von Jemandem begleitet gefühlt habe – Gott, Christus, wer auch immer. Und diese Stimme sagte: Verzweifle nicht, Du wirst es überstehen. Es wird ein Ende finden! Und so war es. Ich weiß nicht, was es ist, Dave, aber ich weiß es felsenfest, da ist Etwas. Etwas, das mir geholfen hat!“

 

Carol hatte Vertrauen, ganz viel davon.

Sie war nicht „gläubig“ auf eine religiöse Weise. Sie konnte es nicht in kirchlich gewohnten Redewendungen ausdrücken. Aber sie hatte dieses Vertrauen in eine liebende, Kraft gebende Präsenz, die ihr durch half. Sie hatte Gott – ohne all den Mumpitz.

 

Der spanische Schriftsteller Miguel Unamuno hat den Unterschied zwischen dem Für-Wahr-Halten bestimmter Glaubensanschauungen und einem Glauben im Sinne von Vertrauen in seiner Kurzgeschichte „Heiliger Manuel Bueno, ein Märtyrer“ dargestellt, wo ein junger Mann am Sterbebett seiner Mutter sitzt.

In Anwesenheit des Priesters nimmt die Mutter die Hand ihres Sohnes und bittet ihn, für sie zu beten. Der Sohn bleibt schweigend sitzen. Hinterher sagt er dem Priester, er wäre nicht in der Lage gewesen zu beten, weil er nicht an Gott glaube. „Das ist Unsinn“, antwortet der Priester,“ man muss nicht an Gott glauben, um zu beten.“

Der Priester meinte damit – der Erwartung der Mutter entsprechend, der Art gemäß, wie auch Carol mit Gott in Kontakt war – nicht die Gebetsweise frommer Bücher und Vorgaben, sondern die Gebete, die tief aus dem Inneren kommen. Sie sind elementarer, oft physischer Art. Das mag absurd, unlogisch sein – aber es geht um das Echte, Instinktive. Es geht um ein tiefes, gesuchtes Vertrauen – nicht um Wortwahl oder Anschauungen.

 

Aber woraufhin vertrauen wir in solchen Momenten? Wem schreien wir unsere Bedürftigkeit entgegen?

Gott, ja, aber nicht dem alten Mann mit Bart über den Wolken.

Kein Mensch mit Verstand glaubt auf diese Weise noch an einen Gott.

Gottes Wirklichkeit ist und bleibt ein Geheimnis und überschreitet alles menschliche Vorstellungsvermögen. Und doch … Auch wenn wir genau wissen, dass Gott keine Art von Wesen ist, auch kein Supermann, können wir uns Gott letztlich wiederum doch nur in menschlichen Kategorien annähern. Traditionell geschieht dies im Christentum mit dem Bild eines Vaters, wir könnten es erweitern um das Bild einer Mutter oder liebender Eltern, deren Gegenwart uns in guten und schlechten Zeiten begleitet.

Gerne hätten wir hier und da, dass Gott einschreitet und unsere Situation auf wunderbare Weise verändert, und gelegentlich scheint das auch zu passieren.

Wie auch immer, viel öfter – wie uns Carlos Geschichte zeigt – ist Gott erfahrbar als unterstützende, kraftgebende Präsenz, die uns durch schmerzhafte Umstände hindurch trägt.

 

Du musst nicht religiös sein, um Gott als eine liebende Gegenwart in Deinem Leben wahrzunehmen.

Ich persönlich bin sogar der Überzeugung, dass die Kirche weniger damit beschäftigt sein sollte, ihre Botschaft und Glaubensinhalte im Leben von Menschen unterzubringen, sondern wahrzunehmen, wo Gott längst da ist – ausgesprochen oder unausgesprochen.

Die Quäker haben eine wunderbare Wahrnehmung davon, wenn sie von dem „Inneren Licht“ oder von dem „Christus in uns“ sprechen. Sie gehen davon aus, dass ein Teil der Wirklichkeit Gottes in Jedem präsent ist, unabhängig von Religion oder Kirchgang. - es ist Teil unseres menschlichen Lebens.

 

Ich denke, das Wort „christlich“ sollte besser als Tätigkeitswort denn als eine Bezeichnung verstanden werden.

Jesus hat die Leute nicht aufgefordert, ein Abzeichen zu tragen oder einem Club beizutreten. Er hat sie gerufen, ihm nach zu folgen: Mit ihm Liebe und Heilung in die Welt zu bringen.

Würden wir das Wort „christlich“ als Tätigkeitswort verstehen, würde dies alles verändern. Wir würden uns nicht mehr „Christen“ nennen, sondern nach unserer Lebensweise fragen.

Christlicher Glaube würde wahrgenommen als spirituelle Praxis und weniger als Glaubenssystem.

 

Doch was ist christlicher Glaube als spirituelle Praxis?

Davon handelt das Buch.

Ich will es vorweg aber auf folgende drei Punkte bringen:

Erstens bedeutet es, zu lernen, in der liebenden Gegenwart Gottes zu leben – wissend, dass Du nie verlassen bist und dass die Liebe Gottes für Dich umfassend und unbegrenzt ist.

Zweitens bedeutet es, zu lernen, gute Entscheidungen zu treffen – und dem Leben mit Aufrichtigkeit und Gewissenhaftigkeit zu begegnen.

Drittens bedeutet es, zu lernen, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst – und Menschen zu werden, die geben und nicht nur nehmen und erwarten.

 

Die Menschen, mit denen ich bei Eddies Beerdigung zu tun hatte, stehen für Unzählige, die mit dem Christentum wenig zu tun haben wegen all dem Zeug und den Scherereien, die damit seit 2000 Jahren verbunden sind.

Dieses Buch ist für sie geschrieben, für Dich, für unzählige stinknormale Menschen, die einen Bogen machen um organisierte Religion, wenig Sinn haben für Bekenntnisse, Dogmen und Kirchgängerei – und die dennoch bemüht sind, wenn auch zögerlich und unbeholfen, ein ehrliches Leben zu führen im christlichen Sinne – und die auf ihre Weise „auf dem Weg“ sind.

 

So, hey, wenn die Mütze passt, trag sie.

Glückwunsch!

Du bist ein miserabler Christ.

 

 


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